Unges „Milch ist Gift“ ist ein Schuss nach hinten

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Simon Wiefels aka. Unge ist Youtuber und Let‘s Player, er spielt Videospiele und filmt sich dabei. Außerdem betreibt er noch einen Vlog-Kanal – und auf dem ist vor drei Tagen ein Video erschienen, dass die Welt kurz in Atem gehalten hat: „Milch ist Gift“.

Milch ist Gift

Gift; Ein Stoff, der Lebewesen durch Eindringen in deren Organismus Schaden zufügt.

Lieber Simon,

was du in deinem Video behauptest, ist ein Tritt in die Weichteile der veganen Bewegung – wenn es die überhaupt als solche gibt. Die schwere Arbeit, die Veganer*innen über die Jahre in ihre Argumentation und Überzeugungsarbeit gesteckt haben, untergräbst du in den 6 Minuten und 24 Sekunden fast nebenbei.

Wir werden nicht, wie du behauptest, absichtlich systematisch krank gemacht. Es gibt keine Verschwörung dahinter, nur das Interesse, Milch zu verkaufen. Wie kommst du darauf? Klar, es gibt die Lobby und die sitzt gut positioniert in der DGE und macht uns das Leben schwer. Das klingt für mich, als hättest du zu lange dem Schwurbler Lichtblick zugeschaut.

Kanada (bzw. Health Canada) hat übrigens schon 2017 angekündigt, die Ernährungspyramide fast zu veganisieren, das wird noch Anfang 2018 umgesetzt . Das heißt aber nicht, dass Kanada Milch für Gift hält, sondern einfach nur mit anderen Eiweiß- und Kalziumquellen zusammen gefasst hat.

Aber:

Die Sachlage ist kontrovers und du musst dich für eine Seite entscheiden – wie leider so oft.

Es gibt einige (unten verlinkte) Studien, die Kuhmilch langfristig eine Begünstigung von Krankheiten wie Parkinson, Osteoporose, Autoimmunerkrankungen, Allergien, koronare Herzerkrankungen, Arteriosklerose, Brust- und Prostatakrebs und Diabetes Mellitus Typ II zuschreiben. Allerdings sind das alles keine aussagekräftigen Studien, die auf Kausalität basieren, sondern Korrelation. Heißt: Es könnte die Milch der Auslöser sein, muss aber nicht.

Eiter und Blut noch Medikamenten- und Hormonrückstände mit der Milch sind allerdings Realität. Würg.

Das Ökosystem ächzt unter der Milch- und Fleischproduktion. Futtermittel für die Massentierhaltung vernichtet Wälder, die Ausscheidungen belasten das Trinkwasser, die Antibiotikaresistenzen bedrohen die Menschen, die Abgase der Massentierhaltung sind Treibhausgasproduzenten der ersten Güte. Außerdem leidet nicht nur die Milchkuh unter ständigen Geburten und direkt weggenommenen Kindern, sondern eben auch die Kälber, die entweder fast direkt zum „edlen Steak“ verarbeitet werden oder selbst in die Situation der Mutterkuh kommen und unter Qualen Milch für andere Spezies abgezapft bekommen. Nur, um dann am Ende als Billo-Steak in der Grabbeltheke beim Discounter zu liegen.

Simon, warum erwähnst du das erst in deinem zweiten Video? Du hättest die gleiche Überschrift im ersten Video wählen können und trotzdem sachlich argumentieren können. Ein bisschen Dramaturgieverständnis und Schnittkunst hätte da schon geholfen. Einfach einen typischen Jumpcut ins „Studio“ und dann die Fakten erklären. Der Dislike-Balken wäre sicher nicht so hoch gewesen.

Ja, du hast die Diskussion angestoßen. Aber die ist nicht konstruktiv, Antiveganer und Kritiker haben so wieder ein gefundenes Fressen. Die Medien schreiben sich über den Verschwörungstheorieteil die Finger blutig. Was bleibt? Ein fader Nachgeschmack, weil die Fakten gefehlt haben und du nicht gut vorbereitet warst und es nicht gut durchdacht war.

Der Zweck heiligt nicht die Mittel.

Aber danke für die geilen Memes zu #milchistgift – MMD.

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