Vegane Kinderernährung und die Abwertung veganer Eltern

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Es ist mal wieder so weit, ich bekomm‘ einen zu viel. Wieso ist es denn nur so schwer, mal differenziert über eine Sache zu berichten? Wieso sind „die Medien“ sich zu schade, mal neutral und nicht offensichtlich einseitig mit fadenscheiniger Gegendarstellung zwischen den Zeilen als Alibi zu berichten?

Veganer Kindergarten

Ich bin ein Elternteil eines ca. 3-jährigen Kindes. Und ich bin neidisch. Blanker Neid auf die Eltern in Frankfurt am Main. Dort gibt es bald eine rein vegane Kita (Achtung, Link geht zu Focus Online).

Mittlerweile ist auch der Spiegel mit mehreren Artikeln über die Kita am Start. Grausame Recherchearbeit, wenn diese überhaupt stattgefunden hat. Der Graslutscher hat sich die Sachlage mal angesehen. Nur selten empfinde ich so viel Fremdscham bei den Spiegelartikeln. Danke für die Aufdröselung, Jan.

Der Stand bei uns in der Stadt: Vegane Kita? Logisch, Fehlanzeige. Aber wenigstens eine vegane Option bei der Verpflegung? Gibt es nicht. Und wir sind sogar die Einzigen (von ca. 60 Kindern) mit der vegetarischen Option. Krass!

Die anderen Kinder in unserer Kita bekommen 2-4x die Woche mittags Fleisch, 1x Fisch. Frisches Gemüse bei der vegetarischen Option: Fehlanzeige. Ausnahmen gibt es quasi nicht. Als ob das nicht schon genug wäre: zu Frühstück und Vesper gibt es natürlich immer Wurstscheiben. Gern auch mal Leberwurst. Wenn ein Kind das so will, kann es (inkl. daheim) 3-5x am Tag Fleisch essen. So richtig ausgewogen.

Als vegane Eltern werden wir im Netz belächelt und unser Kind sogar von den Nachbarn bemitleidet, obwohl es bestens entwickelt ist und keinerlei Defizite aufweist und auch mit Freude am Geschmack dabei ist. Wir sind für manche Erzieherinnen (es gibt leider keine Männer mehr) der Kita sogar ein Störfaktor! Wir haben uns erdreistet, das Essem über 4 Wochen zu kosten und dem Caterer eine mangelhafte Bewertung zukommen lassen. Die einzige Person in der Kita, die uns unterstützte, war die ehemalige Leiterin. Die ist aber auch nicht mehr da. Der Caterer kann nicht gewechselt werden, da die Eltern das per Mehrheitsentscheid machen müssen (und eben nicht wollen) und selbst kochen ist aktuell zeitlich nicht möglich. Zudem darf der Preis nicht steigen. Es zählt doch, dass die Kinder es gern essen und satt werden. Das wird meins von Gummibärchen, Rosinen und Eis auch irgendwann. Kitawechsel ist leider unmöglich. Pro Platz warten mehr als 30 Kinder.

Ein veganer Kindergarten wie in Frankfurt wäre die Lösung für uns. Auch wenn es online von „andersdenkdenden“ Kritik hagelt, dass vegane Kinder alle mangelernährt werden: Wir wissen es besser, dass die sogar oft gesünder und vollwertiger ernährt werden. Und um das Thema B12 weiß auch jeder gescheite Mensch Bescheid. Wenn nicht: Unbedingt meinen Beitrag dazu lesen. Außerdem sind die wenigsten Kinder in der Kita wirklich auch zu Hause vegan, die Eltern freuen sich nur über das Konzept der Nachhaltigkeit und das täglich frisch kochen. Daheim können sie ja immer noch mit Steak und Mortadella gefüttert werden.

Dann müsste müsste ich mir keine Sorgen machen, dass mein Kind heimlich Leberwurst bekommt, weil die ja so gesund und notwendig ist. Oder Milch. Oder Fruchtjoghurt voller Zucker. Und sowieso: Bio ist teurer Abfall. Hingegen die Pampe vom Caterer ist für die Eltern und Erzieher*innen gut genug. Nie definierbares Gemüse, fast immer versalzen – wäre ja auch zu viel verlangt, dass Kliniken und Altersheime unabhängig von der Kita gewürzt werden.

… jetzt habe ich mich in Rage geschrieben.

Vegane Eltern

Generell hat man es als Pflanzenfresser schwer. Noch schwerer ist es aber für vegane Eltern. Schelte aus allen Richtungen dank  unaufgeklärter Medien (da ist der Spiegel nur aktuell die Galeonsfigur der schlechten Berichterstattung), die Binsenweisheiten ohne Überprüfung aufgrund hoher Klickbilanzen immer wieder rausposaunen. Sogar Veganhasser wie Uwe Pollmer und Sarah Wiener bekommen im DLF und den ÖR die Möglichkeit, ihre halbseitig wahren Informationen zu unterbreiten. Sonst habe ich eine sehr hohe Meinung vom DLF, aber hier hat wohl jemand zu tief ins Glas geschaut, als Pollmer engagiert wurde.

Keiner ist perfekt. Es ist schwer, im Sumpf von Falschinformationen und omnipräsenten Schwurblern im Netz die seriösen Infos zu finden. Aber dafür sind es ja schließlich Journalisten geworden. Oder lernt man im Studium nur noch „How to Click Bait“?

„Vegane Ernährung ist okay, aber doch bitte nicht für Kinder. Oder Schwangere.“

Ein gern gebrachtes Argument. Leider auch das, was die DGE publiziert. Aber angeblich nicht, weil es ungesund wäre, sondern weil sie die Menschen für zu faul hält, das ganze ausgewogen durch zu ziehen. Statt wie andere Ernährungsgesellschaften zu sagen …

„Eine gut geplante, ausgewogene, pflanzliche Ernährung ist in jeder Lebenslage ungefährlich.“

… wird hier einfach an den dummen und faulen Michel gedacht. „Fress dein Fleisch, dann musst du nicht nachdenken.“ Danke, liebe DGE. Übrigens: Die Ernährungsgesellschaften in der anderen ersten Welt sind da schon ein paar Dekaden weiter und trauen ihren Bürgern mehr zu, als bis zur Fleischtheke und zurück zu denken: USA, Kanada, Australien, England u.a. sind schon lange dabei.

Ich kann nur mutmaßen, ob das an mangelnder Flexibilität, kategorischer Unkenntnis oder guter Lobbyarbeit von Milch, Fleisch und Agrarbeiräten liegt, muss jeder selbst überlegen. Ich vermute immer noch, dass da zu viele Geldkoffer im Weg liegen. So sehr auf den Kopf gefallen können die ja gar nicht sein. Schließlich bekommt den Posten ja nicht derjenige, der sich am meisten beeinflussen lässt. Hoffentlich.

Umfrage

Es finden übrigens 47% von fast 12000 Lesern der ZE.TT okay, Kinder vegan zu ernähren. Wenn die Eltern sich davor eine Platte machen und nicht einfach nur alles weglassen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Die Leser sind offener als es Zeit Redaktion und DGE sind. Sauber.

vegan kinder zett
(c) zeit online

Mangelernährte und tote Kinder

Dazu kommt alle Jubeljahre mal ein reißerischer Artikel in einer, sagen wir mal, weniger seriösen Newsseite, über tote und mangelernährte vegane Kinder berichtet. Liest man die Artikel, dann stellt sich heraus: Nicht die pflanzliche Ernährung war der Auslöser, sondern das fehlende Gehirn der Eltern.

Oder wer gibt allen Ernstes einem Neugeborenen Apfelsaft und Sojadrink statt Muttermilch oder Pre-Nahrung. Schwere Krankheiten wurden mit Umschlägen und Ölen „geheilt“. Kinder wurden mir Mandeln und Kokosöl ernährt. Die drei Fälle machen immer wieder medienwirksam die Runde. Und das sind auch die, die hängen bleiben.

Und alle sagen: „Pflanzennahrung ist Schuld“ statt „Die Eltern haben ihren gesunden Menschenverstand verloren“.

Das alles hatte nichts mit pflanzlicher Ernährung zu tun. Aber das wird trotzdem immer wieder behauptet. Und die Klicks kommen. Also geht das immer weiter so. In den Kommentaren wird fleißig von Fleischanhängern und Pflanzenköstlern der übliche Grabenkampf ausgetragen und am Ende vom Tag hat keine*r gewonnen.

Supplemente sind unnatürlich

Ein gern gezogenes Argument. Aber denkt jemand auch daran, dass die Regale voller Vitaminpräparate in Drogerien und Apotheken nicht für Veganer*innen erfunden wurden? Außerdem bekommen es die Tiere in der Massenhaltung auch im Futter oder per Spritze zugesetzt. Dazu auch ein kurzer Artikel von „The Vactory“ zum Nachlesen.

Wir erinnern uns: 98% des Fleisches stammt daher. Fleisch aus der Grabbeltheke. Schön in Plastik verpackt. Alles ganz natürlich.

Und wenn ich dann so einen Stuss wie bei Zeit Online bzw. Zett lesen muss, dass eine Ernährungspsychologin (nicht -wissenschaftlerin) sagt, dass Kinder einen „erhöhten Bedarf an tierischen Nährstoffen haben“, dann schläft mir nur noch das Gesicht ein. Leider ist das genau die Art Information, die keinem etwas bringt, weil die Dame entweder keine Ahnung hat oder schlecht zitiert wurde. Klar kommen tierische Nährstoffe nur von Tieren. Aber die braucht der Mensch eben nicht. Die gleichen Nährstoffe gibt es in Pflanzen auch. Außer B12.

TL;DR

Es gibt genug Beispiele, die zeigen, dass ausgewogen-pflanzlich ernährte Kinder keinerlei Nachteile haben. Im Bezug auf die Volkskrankheiten werden sie vielleicht sogar Vorteile haben. Dazu fehlt es an Langzeitstudien. Immerhin gibt es eine aktuelle VeChi Mini-Studie, die zeigt, dass die 1-3 jährigen, veganen Kinder absolut normal aufwachsen können und sogar noch mehr Eisen und Folsäure als ihre omnivoren Kollegen bekommen.

Es sind allerdings auch 10% zu klein für das Alter. Woran das liegt, lässt sich nur schwer sagen. Im Gegenzug dazu sind 3% der omnivoren Kinder zwischen 1 und 3 bereits fettleibig. Wow! Kein Wunder, dass Diabetes Mellitus Typ 2 (Altersdiabetes) in Deutschland schon in der Grundschule „ausbricht“. Sicherlich fehlt da auch Bewegung, aber es gibt eben noch mehr als nur einen Einfluss. Kausalität vs. Korrelation.

Ich wäre froh, wenn die DGE endlich mal sich von ihren Fesseln befreit und den Kopf aufmacht und den Menschen nicht grenzenlose Dummheit und Faulheit andichtet. Aufklären, nicht bevormunden! Schreibt doch dran, dass es okay ist, man aber auf A und B achten muss. So wie alle anderen. Und nicht: Vegan ist doof, weil es kritische Nährstoffe gibt. Dann klappt’s auch mit der tierleidfreien Ernährung ohne Bevormundung der Eltern.

Es ist echt traurig, was Veganer*innen oder Pflanzenköstlern so a Steinen in den Weg gelegt wird.

Also: Hilf mit, und kläre sachlich auf. Und bitte nicht alle Pro-Vegan „Fakten“ glauben. Da ist viel Mist im Umlauf. Es wird immer besser für alle.

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Vegengorda
Gast
Vegengorda

Sehr schöner Artikel 🙂 Ich hab zwar bisher noch keine Kinder, aber trotzdem machen wie uns jetzt schon Gedanken über deren spätere Ernährung und bei dem Thema rede ich mich auch gern in Rage 😉 Das Denken von wegen „Kinder brauchen aber Fleisch, um gesund zu wachsen“ ist leider offensichtlich immer nich tief verankert. Selbst meine Schwester (Vegetarierin) sagt, sie würde ihre Kinder auf keinen Fall vegan ernähren und sieht da selbst vegetarisch kritisch. Die wenigsten Leute informieren sich leider über ihre Ernährung.. Ich finde es auch immer wieder interessant, dass vegane, (gesundheits-) bewusste Eltern an den Pranger gestellt werden,… Weiterlesen »

Rikki v Tarmo
Gast
Rikki v Tarmo

Klasse geschieben und so was von zutreffend. Aber wie bitte soll sich die DGE von ihrem Dogma befreien, da müsste sie sich ja komplett selbst abschaffen, wenn man bedenkt, wer da alles in den Beiräten sitzt 🙁 Danke jedenfalls für den sehr interessanten und mutmachenden Artikel.