Das wahre Leben der Bauernhoftiere – eine Buchrezension

„Das wahre Leben der Bauernhoftiere“. Ein Buch, das die Zustände in der Tierproduktion aufzeigt. Gezeichnete Bilder, kindgerechte Texte. Klingt doch gut?! Schließlich haben vegane Eltern oft Probleme, das Thema kindgerecht darzustellen (denn es ist eigentlich nicht kindgerecht darzustellen). Wie gut macht das Buch den Job?

Kinderbücher über Tiere

Kinderbücher über Bauernhofe sinbd wohl ein Grund, warum vegane Menschen hohen Puls haben. Der Bauernhof ist die grüne, schöne, heile Welt aus den feuchten Träumen der Bauern. Kühe lassen sich melken, lachen zusammen im Stall, stehen in Cliquen auf saftigen Wiesen … schön.

Wir wissen, dass die Realität anders aussieht.

Die Bücher werden dann oft mit „Ist doch für Kinder gemacht“ abgetan. Kinder vertragen also nicht die Realität?! Deswegen erzählt man lieber Lügen? Niemand soll seinem Kitakind Earthlings zeigen … aber dann sollten Eltern vielleicht ihr Leben oder zumindest ihre tierlastige Ernährung überdenken. Rosa Glitzerprinzessinnen, sprechende Schweine, der gute Jäger, der im Bauch des Wolfes die Großmutter mit Wackersteinen austauscht und der Wolf pennt einfach weiter – Kinder sind nicht doof, die verstehen meist, dass das nur ausgedachte Geschichten sind.

Der Bauernhof existiert aber wirklich. Nur eben nicht so, woe es in „Pixies“ und „W Wie Wissen“ zu sehen ist.

Belügen Eltern ihre Kinder (unter)bewusst?

Fast alle Eltern wollen ihren Kindern nur Gutes. Die meisten wissen, dass Tier im Essen mit Leid und Tod verbunden ist. Sie nutzen diese Bücher vermutlich unterschwellig, um sich selbst zu beschwichtigen. So glücklich. Hingegen Berichte von Aktivisten wie SOKO Tierschutz oder ARIWA sprechen eine zu krasse, direkte Sprache. Auch Filme wie Dominon sind nicht für Kinder geeignet. Zwei Seiten einer Medallie.

Was ist aber, wenn ein Buch für Kinder die Realität abbilden will? Nicht den Wohlfühlhof mit Sauna, Pool und täglichen Massagen für die zu essenden Lebewesen?

Hier kommt das Buch ins Spiel.

Das Wahre Leben Der Bauernhoftiere Buch 1
(C) Klett Verlag, Lena Zeise, Foto: nutripunk

Das wahre Leben der Bauernhoftiere

Wertungsfrei das Leben der Bauernhoftiere darstellen. Für Kinder. Das schau ich mir gerne an.

Schnell wird klar: Es tut leider doch genau das. Nur eben über Umwege: Es beschönigt und verklärt.

Omni-Rezensionen lesen sich so:

  • „Augenöffner für die gesamte Familie“
  • „Horrorbilder für Kinder“
  • „Wir kaufen jetzt nur noch Fleisch und Milch aus Biohaltung!“

Ich weiß nicht, wo diese Bilder wirklichen Horror abbilden. Die Darstellung ist NICHT realistisch. Gut, Tiere sind dicht gedrängt in Ställen, weibliche Schweine werden in engen Gittern bewegungsunfähig gemacht. Kot? Wunden? Fehlanzeige.

Nun sind nicht alle Ställe und Mastanlagen schmutzig oder die Tiere leiden sichtlich. Es scheint Berichten und meinen Erfahrungen zufolge aber eine Ausnahme zu sein. Man sieht aber Spaltböden und enge Ställe.

Formatbedingt fehlen Gestank und Lautstärke. Daher fehlt ein Stück zum wahren wahren Leben …

Bilder für Kinder?

Ich würde sagen: Das Buch geht mit Erklärungen ab 3 Jahre klar.

Eltern legen ihren Kindern Leichenteile auf den Teller. Dann sollte das Buch doch drin sein.

Die Zeichnungen sind übrigens richtig hochwertig und nicht nur schnell schnell wie in den Miniformatheftchen.

Daneben stehen Erklärungstexte, die auf Misstände hinweisen. Kinder werden weggenommen, es werden spezielle Rassen gezüchtet (Züchtungen genannt) – es wird aber nicht hinterfragt, sondern ohne Einordnung niedergeschrieben. Tiere sehen oft nie das Tageslicht, werden nach ein Viertel der natürlichen Lebensdauer getötet, Futter kommt aus der Ferne und macht den Regenwald kaputt. Immerhin.

Die Hühner sehen sehr gesund aus. Laut Text haben sie wenig Platz. Kükenschreddern, Hochleistungs-Ei-Produktion, Hühner die Fleisch „geben“ … alles in allem sehr beschönigend. Was zu einem weiteren Problem des Buches führt.

Ode an die Bio-Haltung

„Früher war alles besser“ – klingt im Buch immer wieder an. Familien haben Tiere selbst daheim gehalten, selbst getötet … wann dieses „frühere Normal“ genau war, wird nicht gesagt. Heute ist alles schlimm, maschinell, effektiv und stressig für die Tiere. Nur Weidetiere sind glücklich, weil sie auch „da getötet werden, wo sie gelebt haben“. Ich meine Wer will das nicht? Sollten sich mal nicht so haben, die Viecher. Statt rumzumosern, dass ihre Kinder weggenommen werden und sie getötet werden, sollten sie Dankbar sein.

Und es kommt im Buch zur Lösung:

Bio!

Das Wahre Leben Der Bauernhoftiere Buch 2
(C) Klett Verlag, Lena Zeise, Foto: nutripunk

So viel Platz. So grün. Einklang mit der Natur. Kleine Höfe. Mehr Zeit für die Tiere zum „reifen“. Auslauf. Hörner! Wühlplätze und mehr Beschäftigung als ein Holz an einer Kette. Hofläden statt Supermarkt-Plastikverpackung. Alles so idyllisch.

Ergo: „Das Fleisch schmeckt besser.“ sic!

Immerhin weist das Buch noch darauf hin, dass Kinder (!) auf regionale Nahrungsmittel zurückgreifen sollten. Sie sollen die Erwachsenen direkt fragen, wo es herkommt.

Wenn das Tier gut nebenan gelebt hat, ist es also völlig ok, wenn es glücklich gestorben ist. Merkt euch das, liebe Kinder!

Politische und neo-liberale Komponenten kommen nicht zur Sprache. In einem Kinderbuch finde ich das okay. Es wäre am Rand noch schön zu lesen gewesen, dass vielleicht die zuständige Politik Verfehlungen ohne Ende produziert.

TL;DR

Im Kurzen: Das Buch liegt im Müll. Kine Weiterverkauf.

Lange Version: „Das wahre Leben der Bauernhoftiere“ ist gut gezeichnet, zeigt wenige Missstände der Massentierhaltung auf. Es zeigt aber nur einen Teil der Problematik. Es verklärt mit Bildern und Texten über „Bio“ den wirklichen Zustand der Situation.

Es ist zwar kindgerecht, die Kinder, die es lesen, erfahren aber nicht die Wahrheit, sondern nur eine weiteren, verzerrten Mix aus Realität und Lüge. Für mich ist es das Papier nicht wert. Da der Inhalt so verklärt, ist es im Müll gelandet. Sonst hätte ich es weiter verkauft, ich möchte aber nicht, dass mehr Menschen das Buch durch mich lesen.

Deswegen gibt es hier auch keinen Link zum Verlag oder Händler.

Lies lieber diese Bücher!

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XjonnyX

Ich habe das Buch bei Freunden im Regal gesehen, die ihr Kind so auf Bio-Haltung zu trimmen scheinen. Die Familie lebt nach Demeter-Richtlinien und nutzt Zuckerkügelchen als Medizinersatz. Gottseidank hatten die Kinder bisher keine schlimmen Krankheiten, und noch ist nicht alles verlore. Im Notfall gehen sie immerhin noch zum Arzt.
Ich war wirklich enttäuscht von dem Buch und habe zufällig deine Rezension gefunden. Trifft es ziemlich gut. Hier wird keine Realität gezeigt, sondern nur weiter verklärt. Ein lausiger Versuch, der fast schon als Lobbyarbeit betrachtet werden kann.

ZZFlop

Das Buch ist einfach nur Grauenhaft. Ich bin mal froh, eine Rezension aus der veganen Ecke zu lesen, die bisherigen aus der Bio-Ecke ließen mir immer die Fußnägel im Kreis wachsen. Desswegen, Danke!! (=