Das wahre Leben der Bauernhoftiere – eine Buchrezension

Das Wahre Leben Der Bauernhoftiere Buch Cover Teaser

“Das wahre Leben der Bauernhoftiere”. Ein Buch, das die Zustände in der Tierproduktion aufzeigt. Gezeichnete Bilder, kindgerechte Texte. Klingt doch gut?! Schließlich haben vegane Eltern oft Probleme, das Thema kindgerecht darzustellen (denn es ist eigentlich nicht kindgerecht darzustellen). Wie gut macht das Buch den Job?

Kinderbücher über Tiere

Immer wieder bekomme ich hohen Puls, wenn ich “Kinderbücher” über Bauernhöfe sehe. Schöne, heile Welt. Kühe, die sich gern melken lassen oder zusammen im großzügigen Stall oder auf der Weide stehen.

Selbst, wenn man diese Art Bücher als “ist doch wie andere Bücher nett für Kinder gestaltet” abtut, sollte man sich fragen: Will ich mein Kind damit belügen? Bei glitzerrosa Prizessinnen oder sprechenden Schweinefamilien wird der Nachwuchs sicherlich irgendwann von selbst dahinter kommen, dass es eher phantastische Literatur ist – der Bauernhof hingegen existiert als Modell hingegen tatsächlich. Nur die wenigsten werden jemals einen besuchen, um die Aussagen auf Echtheit zu überprüfen. Denn in aller Regel sehen die nicht aus wie in den “Pixies” oder “W Wie Wissen” Büchern.

Belügen Eltern ihre Kinder (unter)bewusst, damit sie weiter guten Gewissens totes Tier auf den Teller können?

Fakt ist: Diese Art Bücher bilden die Realität nicht ab.Vielleicht gibt es in einem entfernten Land diesen ominösen WoHlFüHlHoF ja doch, dann spielt er als Einzelbeispiel jedoch keine Rolle.

Und selbst wenn Tiere so “gut” leben würden: Haben Menschen das Recht, sich der Ausscheidungen der Tiere zu bedienen? Sprich: Milch, Eier … Honig? Oder Lebewesen zu töten, um Teile von ihnen zu essen?

Wer die Social Media bzw. YouTube-Kanäle von Aktivisten wie SOKO Tierschutz oder ARIWA besucht, findet da ganz andere Beispiele. Schlimme Bilder. Immer wieder von neuen “Höfen” aus Deutschland oder Europa. Aber auch das ist nur die andere Seite der Medallie. Die “Wahrheit” liegt irgendwo dazwischen – wobei ich dazu aus Erfahrungsberichten tendiere zu sagen: Die schlimme Seite überwiegt. Auf die Dokumentation Dominon spricht (bewusst und gezielt) eine andere Sprache. Ganz abgesehen von der ethisch für mich nicht vertretbaren Sache, Tiere für nicht lebenswichtige Zwecke auszubeuten und zu töten.

Hier kommt das Buch ins Spiel.

Das Wahre Leben Der Bauernhoftiere Buch 1
(C) Klett Verlag, Lena Zeise, Foto: nutripunk

Das wahre Leben der Bauernhoftiere

Es will das wahre Leben der Bauernhoftiere für Kinder darstellen. Ohne Wertung.

Leider tut es jedoch genau das. Über einen Umweg: Beschönigung und Verklärung.

Einige Rezensionen im Netz lesen sich so: “Augenöffner für die gesamte Familie” … “Horrorbilder für Kinder” … und dann kommt das dicke Problem in diesem Buch als Rezensionsfazit dazu: “Wir kaufen jetzt nur noch Fleisch und Milch aus Biohaltung!”

Das Buch ist leider keine realistische Darstellung der Zustände in der Massentierhaltung. Ja, es werden Tiere dicht an dicht gezeigt. Ja, es gibt weibliche Schweine in engen Gittern, damit sie bewegungsunfähig nicht ihre Kinder erdrücken. Nie Kot. Nie Wunden.

Aber “könnte man das den Kindern überhaupt zeigen”?

Warum nicht? Schließlich wird es ihnen auf den Teller gelegt. Und das Buch hat doch dem Titel und dem Klappentext nach den Anspruch, das “wahre Leben” darzustellen.

Ich muss dem Buch anrechnen: Die Zeichnungen sind auf hohem Niveau und sehen richtig gut aus. Und es reißt das gesamte Dilemma ein wenig an. Viele Tiere auf engem Raum, wenig “tiergerechte” Dinge im Stall. Stattdessen Spaltböden (ohne Hinweis auf die Problematik damit) und Eisen-Holz-Dinge zum “beschäftigen”. Abgesegnet durch unsere gesetzgebenden Institutionen, die auch mal mit Nestlé was leckeres kochen.

Auch beim Text wird auf verschiedene Missstände hingewiesen. Kinder werden weggnommen, es gibt Rinderrassen (aka. Züchtungen) für Milch und welche für Fleisch. Auch das wird nie (!) hinterfragt. Viele sehen nie das Tageslicht und fast alle werden nach ca. 25% ihrer “natürlichen” Lebensdauer getötet. Futter kommt aus fernen Ländern und ist mitverantwortlich für die Regenwaldabholzung.

Auch die Hühner könnten gesünder nicht aussehen. Es wird im Text darauf hingewiesen, dass viele Hühner auf wenig Platz ihr Lebtag verbringen müssen. Kein Wort vom alltäglichen, millionenfachen Kükenschreddern. Außerdem “geben” uns Hühner Fleisch. Beschönigende Sprache.

Ode an die Bio-Haltung

Immer wieder klingt im Buch an, wie gut und klein “früher” alles war, als Familien noch zu Hause getötet haben. Auf welchen Zeitraum diese “Normalität” sich bezieht, wird wieder einmal ausgespart. Die heutigen Zustände sind vorwiegend schlimm, maschinell, effektiv, stressig für die Tiere, nur glückliche Weidetiere dürfen direkt da getötet werden, wo sie gelebt haben … alles richtig, aber auf den folgenden Seiten kommt die “Lösung”:

Bio!

Das Wahre Leben Der Bauernhoftiere Buch 2
(C) Klett Verlag, Lena Zeise, Foto: nutripunk

Oh du schöne, ökologische Haltung. Glückliche Tiere auf der Wiese. Viel Platz. Einklang mit der Natur (sic!). Kleine Höfe sind besser als große. Tiere haben mehr Zeit zum reifen. Rinder mit Auslauf ins Freie. Hörner! Platz! Schweine mit mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, Wühlplätzen … Garant für besser schmeckendes Fleisch. Und natürlich teurer.

Ach ja. Hofläden. Oder kleine Verkaufsstände vor dem Supermarkt. Hier schmeckt’s! Supermarkt ist Massenware von “überall” und auch noch in Plastik verpackt.

Kinder sollen auf Zutaten in ihrer Nahrung achten. Die Herkunft ermitteln. Und Erwachsene fragen, woher es gekommen ist.

Wenn das Tier gut gelebt hat, ist es also völlig ok, wenn es glücklich gestorben ist. Merkt euch das, liebe Kinder!

Es verpasst auch völlig die politische, neo-liberale Komponente der Sache: Du entscheidest mit deinem Einkauf. Zumindest, wenn wirklich alle mitmachen würden. Es wird aber nie die Verfehlung der Politik zur Sprache gebracht. Oder, dass man schon mit beschönigender Sprache diese Zustände weiter fördert.

TL;DR

“Das wahre Leben der Bauernhoftiere” zeigt und beschreibt nur einen Teil von der Problematik der Massentierhaltung, verklärt die Bio-Haltung ins ausnahmslos Positive und ist meiner Meinung nach (und aus veganer Perspektive) das Papier nicht wert, auf dem es gedruckt wurde.

Ich bereue den Kauf und möchte es nicht einmal weiterverkaufen, damit diese Verklärung nicht noch weiter getragen wird. Zurück schicken geht nicht, dafür liegt es schon zu lange hier. Vermutlich landet es im Müll …

Deswegen gibt es hier auch keinen Link zum Verlag oder Händler.

Lies lieber diese Bücher!

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ZZFlop

Das Buch ist einfach nur Grauenhaft. Ich bin mal froh, eine Rezension aus der veganen Ecke zu lesen, die bisherigen aus der Bio-Ecke ließen mir immer die Fußnägel im Kreis wachsen. Desswegen, Danke!! (=

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