Missionieren oder Stillschweigen – wie macht man es als Veganer*in richtig?

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Das ist doch mal ein interessantes Thema, was da in einer der wenigen sinnvollen, veganen Facebook-Gruppen diskutiert wird: Wie weit soll bzw. darf man als Veganer*in im Alltag gehen? Missionierende Menschen haben nirgendwo ein gutes Ansehen – rechtfertigt der Veganismus das jedoch mit seinen guten Gründen? Oder ist vorleben die ideale Form von “Aktivismus” – denn auch nichts tun kann Wirkung zeigen. Wie geht man aber am besten vor?

Blinder Aktionismus

“Woran erkennt man einen Veganer? Er erzählt es dir!”

Diesen innovativen Witz haben wir sicher alle schon einmal gehört. Aber er stimmt auch: Viele gehen damit gerade in der Anfangsphase auf andere zu, wenn es passt. Ich war fast ohnmächtig von all den neuen Infos, die man überall über die Gräueltaten aufschnappt. Das musste ich teilen und wollte von anderen Verständnis. Das ist durchaus normal, dass der Mensch für seine Taten Anerkennung haben möchte. Aber auch auswärts beim Essen im Restaurant oder bei Freunden fällt die Info immer wieder. Aber aus gutem Grund: Man muss es sagen, sonst hat man in aller Regel irgendwas vom Tier im Essen.

Und das will man eben mit all dem neuen Wissen nicht mehr.

Dann bist du aber auch schon mitten in der Bredoullie. Denn einige Mischköstler fühlen sich plötzlich durch deine bloße Anwesenheit gestört – regelrecht angegriffen – und feuern zurück. Die einen denken, du willst ihnen das Essen madig machen, andere erinnern sich unterschwellig an ihr schlechtes Gewissen. Denn die schlimme Tierhaltung und Umweltschäden sind (glücklicher weise) aktuell öfters kritisch in den Massenmedien und längst nicht mehr nur Diskussionsthema bei den “linksgrünversifften” Hippies. Außerdem merken alle, dass der aktuelle Sommer (2018) verdammt warm ist.

Dann gibt es aber tatsächlich die Veganer*innen, und ich hoffe, da gehörst du nicht dazu, die wirklich alle Fehler direkt vor die Nase halten und damit u.a. für den schlechten Ruf der “Bewegung” verantwortlich sind. “Omnomnom, Antibiotika und Gensoja!” oder “Na, schmeckt dir deine Leiche?” oder “Wusstest du, dass du deinen Kaffee grad mit Eiter und Blut befüllt hast … Milch bla bla”. Ganz im Ernst:

Glaubst du, du hättest dich verändert, wenn dir jemand so entgegen gekommen wäre?

Du musst aber auch nicht gleich Demos oder Mahnwachen gegen Tierproduktion besuchen. Natürlich ist es immer gut ein Zeichen zu setzen, wenn du Zeit dafür hast und die Energie und emotionale Stärke aufbringen kannst. Wenn du es nicht tust, bist du kein schlechterer Mensch. Es gibt andere Wege, sich zu engagieren. Schreib einen Blog (hust) oder sei auf Social Media aktiv.

Tierleid, Umweltschäden, Gesundheit, Welthunger … die Liste der Gründe ist lang. Sitzt du anfangs noch nicht so fest im Sattel, kann sich ein aufgeschnapptes Argument auch mal schnell als falsch entpuppen. Das wird dir und „uns“ später auch gern vorgehalten. Gerade die Gesundheitsversprechen sind oft einfach nur dumm und nicht belegbar. Sollte man es also einfach nur vorleben?Ruhe_Silence_shhhh_pssst_2725302

Stiller Aktionismus

Stillschweigen. Die krasse Gegenseite bilden die Menschen, die am liebsten gar nicht erzählen, dass sie sich nun rein pflanzlich ernähren bzw. vegan leben. Die Gründe sind IMHO in der Regel:

  1. Unsicherheit bei Argumentationen
  2. Andere sind „egal“
  3. nicht missionierend rüberkommen

Das sind alles für mich nachvollziehbare Gründe. Aber auf der anderen Seite bist du dann eben jemand, der nach einer Ideologie lebt – oder sich zumindest so ernährt – und damit die Probleme mit der herkömmlichen Lebensweise/Ernährung kennt, aber doch nichts dagegen tut. Gar nichts. Gegen die Unsicherheit hilft nur: bilden! Bücher lesen, Youtube schauen, Podcasts hören, sinnvolle Blogs lesen (hust) oder andere vegane Projekte ohne Schwurbelei. Dann klappt es auch bei der nächsten Argumentation mit den richtigen Fakten. Denn nichts ist für mich schlimmer, als eine offensichtliche Unwahrheit nicht widerlegen zu können.

Wenn es dir bei anderen egal ist, dann bist du ein für mein Empfinden ziemlich unempathischer Mensch. Du erlaubst, dass andere weiter das Leid den Wesen zufügen, die sich nicht wehren können? Es ist super, dass du nach deinen Prinzipien handelst. Aber deswegen du musst ja nicht gleich missionieren, sondern einfach nur an der richtigen Stelle den Mund aufmachen.

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Idealer Aktionismus

Das Problem an beiden oberen Formen: Es sind Extreme. Keine*r möchte gern von anderen andauernd vorgehalten bekommen, dass er/sie aus diesen oder jenen Gründen falsch handelt. Auf der anderen Seite bekommt er/sie die Ungerechtigkeit seines Lebens bzw. Ernährung aber auch nicht mit, wenn sich die restliche Welt die ganze Zeit nur im stillen Kämmerlein vergräbt.

Die Wahrheit liegt in der Mitte.

Binde nicht jedem seine “Fehler” auf die Nase, nur weil es dir grad nicht passt. Aber wenn ein selbsternannter Fleischfreund Unsinn behauptet, dann solltest du deine Stimme dagegen erheben. Wenn du dich, wie in der Schule ganz hinten, hinter den anderen, duckst, damit du ja nicht bei der mündlichen Kontrolle dran kommst, dann hilfst du am Ende niemanden. Du wähnst die Kritiker sogar noch im Recht, weil keiner Gegenposition bezogen hat.

Das ist nicht immer leicht. Vielleicht sogar ungewohnt. Aber nach ein paar Diskussionen (die auch im Netz klappen und man so nebenbei Fakten nachschlagen kann) hast du sicher den Bogen raus. Bleib sachlich, freundlich und weise gern darauf hin, dass auch du nicht vegan geboren wurdest – sofern es stimmt. Fleisch hat uns allen sicher mal geschmeckt und Milch im Kaffee oder die Käse auf der Pizza – wie geht ein Leben ohne????

Wir wissen es: Ziemlich gut sogar. Aber dahin muss jeder selbst kommen. Und du kannst Hilfestellung geben. Trau dich! Und vergib den anderen Ausrutscher.

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