Veganismus – eine kurze Analyse der Szene, wie sie sich selbst zerstört und warum das gut ist

Geschätzte Lesezeit: 6 Minuten

Es gibt wohl kaum einen krasseren Schritt im Leben, als vegan zu werden. Noch schwerer ist es aber sich mit dem Thema von außen auseinander zu setzen, denn das Thema ist komplex und es gibt wohl keine andere, so vielseitige Bewegung. Darauf fallen auch regelmäßig Journalisten rein, die sich nicht tief genug einarbeiten können/wollen/dürfen. Den Nachteil haben allerdings wir veganen Menschen.

Kritik von Außen ist eigentlich nicht so wild, denn man muss mit sich selbst im Reinen sein. Das ist zwar dann immer noch nicht schön, aber man den Frust leichter abschütteln. Viel schlimmer ist für alle Neu-Veganer*innen dieOhnmacht der Erkenntnis. Die Erkenntnis, was alles schief läuft in der Gesellschaft – allein nur auf das Thema Tierausbeutung bezogen. Ein Fass, dass man vielleicht lieber nicht aufgemacht hätte. Aber nun ist es einmal offen und das Wissen wurde aufgenommen.

Und den Großteil der Menschen scheint es nicht zu interessieren. Alle guten Gründe fpr den Veganismus (Ethik, Umwelt, Gesundheit) sind ca. 99% der Menschen in Deutschland scheiß egal. Wenn man die Vegetarier*innen mitzählt, dann sind es immerhin „nur noch“ 90%.

All die Gräueltaten. All das Leid. All der Schmerz. Damit jeder Imbiss Fleisch anbieten kann. Damit jeder Fleischtheke immer gut mit billigstem Fleisch gefüllt ist. Damit jedes Restaurant, jede Cafetaria, jede Mensa immer was am Start hat. Und der Politik ist billiges Fleisch lieber, als Leid zu vermeiden.

Diese Ohnmacht, ein Mix aus Weltschmerz und Depression, hat sogar mittlerweile ein eigenen Namen: Vystopie (Vegan + Dystopie). Und es stimmt zumindest bei mir. Dieser Zustand ist allgegenwärtig und andauernd. Wieso versteht es der Mensch nicht? Und wieso habe ich es so lange selbst nicht gemerkt?

Daraus resultiert auch das Vegan-Klischee schlechthin: Missionieren! Ein vegan lebender Mensch missioniert und haut schlimme Floskeln und Begriffe um die Ohren der Mischköstler. Eben das, was keiner hören will. Und was auch langfristig der „Bewegung“ nicht dienlich ist.

Und da geht‘s schon los!

Ruhe_Silence_shhhh_pssst_2725302Steht man am Anfang der Umstellung und ist vollends in der Schockstarre gefangen, wird alles wie wild im Netz geteilt. Alles wird Freunden, Bekannten und der Familie vorgetragen. Vor die Nase gehalten. Und dabei verbreiten sich genau so schlicht erlogene Inhalte. Alternative Fakten, würde man in der Politik sagen. Pro-Vegane Fakten, die das blaue vom Himmel versprechen. Mundgerecht in kleinen Bildern versteckt. Und schnell auf der Pinnwand geteilt. Für die Tiere. Oder doch nicht?

Es ist genau diese Art, die uns Veganer*innen nachhaltig Probleme bereitet. Denn ist ein solcher Schneeball erstmal am Rollen, dann wird ganz schnell eine Fake-Lawine draus. Es ist überhaupt nicht schlimm, irgendwas zu teilen. Aber dann bitte irgendwas, das auch stimmt. Und auch im gleichem Atemzug nicht alles Contra-Vegane als „Lobbyarbeit“ abtun.

Dieses „Gehabe“ trifft man vor allem bei den „Gesundheitsveganer*innen“ an. Hier gibt es die meisten Heilsversprechen, die uns einfach lächerlich da stehen lassen. Reine Pflanzenkost ist erstmal weder natürlich, noch die gesündeste Ernährungsweise. Es ist grundlegend eine Mangelernährung. Aber eine Ernährungsform, die richtig angestellt auch nicht ungesünder als der WHO-Standard ist. Vitamin B12 Supplementation vorausgesetzt. So wie es auch den Tieren in Massentierhaltung zugefüttert wird, entweder als B12 direkt im Kraftfutter, oder als Kobalt bei Widerkäuern, quasi dir Vorstufe.

Allerdings hat die Pflanzenkost auch handfeste Vorteile bei einigen Erkrankungen, etwa Diabetes Mellitus Typ 2, Bluthochdruck und noch mehr. Es kann (!) diese positiv beeinflussen oder sogar heilen. Aber ein Garant ist es nicht, denn es spielen auch noch andere Faktoren mit rein. Schaden kann es aber auch idR. nicht. Wichtig ist: Vegan ist nicht automatisch gesünder.

Esoteriker und Wunderheiler

esoterik meditation muddha 1384758Man wurde jahrelang in seiner karnistischen Blase über die Essgewohnheiten belogen und hat nun die „Wahrheit“ erkannt. (Wenn ihr von „Wahrheit“ im Netz lest oder hört, dann seid bitte erstmal skeptisch). Da kann es ja sein, dass Vieles andere auch erlogen ist. Und genau da setzen Verschwörungstheorien und Wunderheiler an. Es werden unhaltbare Sachen behauptet. Und viel schlimmer: Dem einen wird mehr geglaubt als der (hoffentlich) evidenzbasierten Wissenschaft.

Da wird schnell mal Kokosöl zum Wundermittel gegen alles, obwohl es dafür keinen Beweis gibt. Kurkuma heilt alles. Auch Krebs. Der Dauerbrenner. Bett umstellen übrigens auch. Wildkräuer-Rohkost auch. Im Einzelfall hat es das vielleicht, aber da szu verallgemeinern ist mindestens fahrlässig.

Und es geht noch viel tiefer in einen Strudel hinein. Und wer nicht aufpasst, wird bald selbst zum Gläubigen von MMS-Therapie gegen Parasiten, glaubt an Hohlerde, Echsenmenschen, Gedankenkontrolle der Regierung, Flacherde, Öl ist Gift, Rohkost heilt alles, Lichtnahrung, Bioresonanztherapie, Bachblüten, Homöopathie, Impfen macht krank … alles verschwimmt irgendwann zu einem riesigen Pfropf aus Gedankenmüll, der in den aller meisten Fällen nie ordentlich recycelt wird.

Vermeintlich vegane Nazis

gay pride lgbt flagge demo regenbogen 2620298Tatsächlich, es gibt sie. Sie glauben an den Kram, der damals zu Zeiten von Hitler verbreitet wurden, als Tierschutz instrumentalisiert wurde. Hitler konnte Fleisch nicht gut verdauen und sein Propagandaapparat hat kurzerhand einen tierliebenden Führer draus gebaut. Aber wer Menschen einer bestimmten „Rasse“ hasst, wie kann er sich anmaßen, für Tiere einzustehen?

Für die gesamte Bandbreite an Hintergrundwissen zu den Methoden der Rechten und Nazis in veganen Kreisen, empfehle ich die Tierbefreiung #98. Es ist wirklich umfassend, wie hier von den Menschenfeinden versucht wird, Fuß zu fassen. Die Themen überschneiden sich nicht absichtlich von denen der Tierrechtsbewegung. Damit lässt sich Gefolgschaft generieren, die es nicht einmal merkt.

Zurück zum Urschleim

Ich empfehle allen angehenden Veganer*innen sich mit dem Ursprungsgedanken zum Veganismus der Vegan Society auseinander zu setzen. Die wurden in den 1970ern aufgesetzt und sind immer noch aktuell, wenn auch fast 50 Jahre später sicher ergänzungsbedürftig. Aber für einen Überblick reicht es.

„A philosophy and way of living which seeks to exclude — as far as is possible and practicable — all forms of exploitation of, and cruelty to, animals for food, clothing or any other purpose; and by extension, promotes the development and use of animal-free alternatives for the benefit of humans, animals and the environment. In dietary terms it denotes the practice of dispensing with all products derived wholly or partly from animals.“

Heißt: So wenig wie möglich Tierprodukte im Leben. Im Idealfall gar keine. Nicht mehr, und nicht weniger. Aber man muss es immer probieren und vor allem langsam angehen und nicht von Anfang an Perfektion erwarten.

Dazu gehört auch, sich mit der Faktenlage vertraut zu machen. Wenn ihr etwas nicht sicher wisst, dann verbreitet es nicht. Zum Beispiel, dass der Mensch ein geborener Pflanzenfresser ist. Das ist er nicht! Hirn an, dann (mit)teilen. Dazu empfehle ich zur Methodik zwei unabhängige Videos: Korrelation vs. Kausalität und About Fake News.

Euer Wissen ist der Schlüssel für eine nachhaltige Bewegung. Also nicht blind drauf los, sondern nur wenn es Sinn macht. Hier kannst du meine Gedanken zur richtigen Methode nachlesen.

Kritik von Innen

Nichts ist glaubwürdiger als Kritik aus den eigenen Reihen! Damit machst du dich wahrscheinlich auch bei einigen unbeliebt, aber das ist es wert. Lieber nur die richtigen Fakten teilen. Das reicht schon aus, um den Veganismus erst zu nehmen. Und man bekommt keine Breitseite, weil irgendwelche Deppen wieder mal Falschinfos verbreitet haben.

Im Idealfall kannst du es sogar mit einem stichhaltigen Link im Netz belegen. Pubmed, ProVeg, Albert Schweizer Stiftung, Ecodemy sind für mich gute Quellen. Bei Ecodemy muss man nur wissen, dass die auch ein Fernstudium anbieten und u.a. deswegen das Magazin haben, aber die Faktenlage vom Magazin ist außerordentlich gut. Oder verweist auf ein gutes Buch. Youtube und Facebook/Instagram sind es nicht, oder nur all zu selten. Auch nicht irgendwelche privaten Blogs (wie dieser hier), denn da kann jeder alles behaupten. Und es muss nicht stimmen. Außer das mit den geheimen Veganerkräften, ihr müsst nur 5 Jahre 100% vegan leben, dann klappts auch mit dem Fliegen und den Laseraugen.

Es gibt drei große Gründe für ein veganes Leben: Ethik, Umwelt und Gesundheit. Es hilft nicht, wenn sich die Gruppen mit Schwurbler oder Puddingveganer gegenseitig bekriegen, nur weil jeder eine andere Weisheit gepachtet hat. Es würde aber schon helfen, wenn alle bei den Fakten bleiben.


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G.R.
Gast
G.R.

Gute Einstellung! Finde ich auch wichtig, dass die Ammenmärchen von der veganen Wunderheilung dringend ausgemerzt gehören.

Ich
Gast
Ich

True dat.