Darf ich mein Kind vegan ernähren?

Lesezeit ca. 4 Minuten

Wir schreiben das Jahr 2019 im gregorianischen Kalender – und den aufgeklärten Medien ist es nicht möglich, differenziert über etwas zu berichten. “Hetzen” und Meinung abgeben ist Blogsache, einseitige Berichterstattung ohne Faktengrundlage anscheinend der neue Journalismus.

Vegane Kita “Mokita”

Ich habe ein vierjähriges Kind. Und ich bin neidisch. Neid auf die Eltern in Frankfurt am Main. Dort gibt es eine rein vegane Kita: Mokita.

Spiegel und Focus haben berichtet. Vom Focus erwarte ich ja schon gar keine korrekte Recherche oder gar neutrale Berichterstattung, aber dass der Spiegel als ehemaliges Nachrichtenmagazin sich einen derartigen Faux Pas leistet, hätte ich nicht gedacht. Hetze, Verleumdung, Unkenntnis. Verpackt in einen Meinungsartikel mit polemischer Überschrift. Schämt euch.

Immerhin hat sich der Graslutscher dem Thema angenommen und die Lage aufgedröselt. Danke dafür, Jan.

Kita-Lage überall sonst

Der Stand hier: Natürlich gibt es keine vegane Kita. Nicht einmal eine vegane Option und selbst bei der vegetarischen sind wir die EINZIGEN von ca. 60 Kindern. Alle anderen bekommen 3-4x Fleisch mittags, 1x Fisch. Und das ist nur das Mittag, Frühstück und Vesper gibts auch täglich mit Aufschnitt oder Schmierwurst.

Frisches, unzerkochtes Gemüse: Fehlanzeige. Wenig Salz: Fehlanzeige. Einlenkung der Kitaleitung: Fehlanzeige. Selbst mitbringen dürfen: Fehlanzeige. Catererwechsel oder -zuwachs: Fehlanzeige, zu teuer für alle Eltern oder kein Platz. Andere Kita, wenn 30 Kinder auf einen Platz warten: unmöglich.

Eine Kita hat Schweinefleisch vom Speiseplan genommen, damit alle Kinder aller Religionen an einem Tisch essen können. Es gab Morddrohungen. Das muss man sich erstmal auf der Zunge zergehen lassen. MORD! Es waren alle anderen Fleischsorten noch auf dem Speiseplan. Da hat die Bild ganze Arbeit geleistet. Bis die Kita zurückruderte. Astreiner Qualitätsjournalismus.

Vegane Eltern zwingen ihren Kindern die Ernährung auf!

Im Netz werden wir gehasst, bevormundet oder belächelt. Die Kinder bemitleidet. Egal ob es ganz normal entwickelt ist und keinerlei Defizite aufweist. Sogar gern Gemüse und Obst isst.

Sogar für die Erzieherinnen sind wir teils ein Störfaktor, weil wir die miserable Essenssituation mit anderen Eltern besprechen und so sich Sachen ändern könnten. Wir haben übrigens 4 Wochen gekostet und wissen, wovon wir reden. Den meisten Eltern ist es wie der Kitaleitung wichtiger, dass die Kinder essen und satt werden. Das passiert auch bei täglich Gummibärchen und Pommes. Aber das Argument zieht nicht.

Wir Eltern zwingen unseren Kindern die Ernährungs- und Lebensweise auf. Natürlich. Das tun schließlich alle nach bestem Wissen und Gewissen. Und vegane Eltern wissen in der Regel ziemlich gut Bescheid über Nährstoffe und gesundes Essen und werden wohl ihre Kinder nicht gegen ihre Überzeugung füttern.

Vegane Kitas für alle!

Mein Vorschlag als Grundkonsens: Veganes Essen in der Kita. Daheim darf dann jeder machen was er will, denn 100g Fleisch (DGE Empfehlung) die Woche sind echt schnell erreicht. Vielleicht würden wir dann auch nicht von allen Seiten Unverständnis und Schelte bekommen.

Solange Veganhasser wie Udo Pollmer und Sarah Wiener vom DLF mit öffentlichen Geldern eine Plattform bekommen und Halbwahrheiten zum Besten geben dürfen, sehe ich da aber nur wenig Chancen. Wenn dann noch vermeintlich neutrale Journalisten ihren Mist darauf abladen, oder vermeintliche Experten ihren Müll dazusabbeln (Stichwort: “Tierische Eiweiße”) hat die vegane Bewegung langfristig keine Chance.

Vegane Ernährung vs. Ernährungsgesellschaften

„Vegane Ernährung ist okay, aber doch bitte nicht für Kinder. Oder Schwangere.“

Ein gern gebrachtes Argument im Einklang mit der DGE. Andere Ernährungsgesellschaften weltweit meinen:

„Eine gut geplante, ausgewogene, pflanzliche Ernährung ist in jeder Lebenslage ungefährlich.“

Wenn man nicht nachdenken kann oder will, dann ist die omnivore Ernährung die richtige Wahl, denn selbst mit einseitiger Ernährung kann man hier lange überleben.

Die anderen Ernährungsgesellschaften (USA, Kanada, Australien, England u.a.) sind da schon etwas weiter – mit Vitamin B12 Empfehlung.

Ob das an Mitarbeitenden aus der Milch- und Bauernlobby liegt, kann ich nur vermuten. Wäre aber schonmal schön, wenn die Massentierernährung nicht immer als natürlich gehandelt wird – hier am Beispiel Schwein. Erinnerungshilfe: Der allergrößte Anteil des Fleisches kommt daher.

Studienlage

Die Studienlage ist leider sehr dünn, vor allem fehlen Langzeitstudien. Es gibt Beobachtungsstudien wie die VeChi Studie, die zeigt, dass die 1-3 jährigen Kinder absolut normal aufwachsen können und auf potenzielle Risiken hinweist. Und bei einigen Nährstoffen auch Vorteile haben.

Da muss aber noch dringend mehr passieren. Es wäre schon geholfen, wenn nicht einige Veganer_innen die pflanzliche Ernährung unkritisch als gesündeste Kost darstellen würden. Das ist zu einfach und zu kurz gedacht.

Es wäre schon toll, wenn alle anderen anerkennen würden, dass pflanzliche Ernährung für Kinder auch voll okay sein kann. Gern auch überprüft von Ärzten. Am Ende ist es eine Mangelernährung, weil Vitamin B12 fehlt und einige Nährstoffe weniger gut verfügbar sind, aber das kann man ausgleichen, es muss sich nur damit beschäftigt werden.

Also: Hilf mit, und kläre sachlich auf. Und bitte nicht alle Pro-Vegan “Fakten” glauben. Da ist viel Mist im Umlauf. Es wird immer besser für alle.

Disclaimer: Nutripunk.de ist werbefrei, unabhängig und geht keine Kooperationen ein.

Nutripunk.de ist kein Arzt und ersetzt keine ärztliche Beratung. Es gibt maximal Tipps aus eigener Erfahrung, die nicht allgemeingültig sind. Wenn du krank bist: Geh zum Arzt und such nicht im Netz nach Lösungen!

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Moki
21. November 2018 23:28

Super Artikel, der heute genau bei uns zutrifft.. In der Kita bekommt meine Tochter „Veganes“ Essen.. 2 mal war schon Fleisch dabei.. meistens besteht die Variante für meine Tochter aus Kartoffeln und ein versalzenes Gemüse. Das für 2,50€ täglich 😞
Traurig.
Ich werde dazu übergehen, ihr selbst täglich was mitzugeben.
Dann weiss ich wenigstens, dass sie was ordentliches zu essen bekommt.
Schade, ich habe gehofft, dass der Caterer das hinbekommt, weil sie am Telefon gesagt haben, sie hätten viele Kinder, die diverse Speisen nicht essen können/dürfen..

Nutripunk
Reply to  Moki
22. November 2018 08:15

Krass, wenn die schon “Sonderkost ” aka. Allergiekost anbieten und dann trotzdem so einen Faux Pas wie Fleisch in ein veganes Essen. Damit dürften die als Caterer bei anzeige ihre Lizenz verlieren.

Vegengorda
14. Juli 2018 11:50

Sehr schöner Artikel 🙂 Ich hab zwar bisher noch keine Kinder, aber trotzdem machen wie uns jetzt schon Gedanken über deren spätere Ernährung und bei dem Thema rede ich mich auch gern in Rage 😉 Das Denken von wegen “Kinder brauchen aber Fleisch, um gesund zu wachsen” ist leider offensichtlich immer nich tief verankert. Selbst meine Schwester (Vegetarierin) sagt, sie würde ihre Kinder auf keinen Fall vegan ernähren und sieht da selbst vegetarisch kritisch. Die wenigsten Leute informieren sich leider über ihre Ernährung.. Ich finde es auch immer wieder interessant, dass vegane, (gesundheits-) bewusste Eltern an den Pranger gestellt werden,… Weiterlesen »

Nutripunk
Reply to  Vegengorda
14. Juli 2018 21:54

Ja, das ist richtig. Es stimmt zwar nicht, dass die anderen gleich 4x zu “Macces” gehen, aber grundlegend macht sich da keiner echte Gedanken. Dann ist es um so tragischer, wenn man von solchen Leuten angefreindet wird. Plötzlich sind alle Ernährungsexperten. 😉

Rikki v Tarmo
18. Juni 2018 00:55

Klasse geschieben und so was von zutreffend. Aber wie bitte soll sich die DGE von ihrem Dogma befreien, da müsste sie sich ja komplett selbst abschaffen, wenn man bedenkt, wer da alles in den Beiräten sitzt 🙁 Danke jedenfalls für den sehr interessanten und mutmachenden Artikel.

Nutripunk
Reply to  Rikki v Tarmo
18. Juni 2018 14:03

Danke für deinenlieben Kommentar! 🙂